Gutmenschen, ach je

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Über den Begriff „Gutmensch“ ärgere ich mich schon lange. Spott und Verachtung schwingen darin mit; in den Medien ist der „Gutmensch“ zum Feindbild der nüchternen Realisten avanciert. Er gilt als naiver Weltverbesserer, der nichtsahnend durch die komplexen Zusammenhänge der Globalisierung stolpert. Er ist der freundliche Spender, der hofft, dass seine hundert Franken tatsächlich die Armut in Afrika lindern. Er ist der schreckliche Ignorant, der an den Weltfrieden glaubt. Und man ist sich einig: Mit dem, was der „Gutmensch“ in bester Absicht tut, schadet er mehr, als er nützt.
Ich glaube, es ist Zeit für eine Ehrenrettung des Gutmenschen. Wer steht ihm denn am andern Ende der Werte- und Verhaltensskala gegenüber? Es sind, zum Beispiel, die Zyniker auf den Redaktionen, die ihre politischen Hoffnungen längst begraben haben, es sind die egomanischen Geldscheffler an der Börse oder die Zeitgeistsurfer, denen jegliche Empathie abhanden gekommen ist. Für sie ist der „Gutmensch“ eine Provokation, denn von ihm geht noch so etwas wie Wärme aus; er kennt Mitleid und Anteilnahme; er rebelliert gegen Elend und Unrecht. Albert Schweitzer war ein Gutmensch, Gandhi, der glühende Pazifist, war auf seine Weise einer, Mutter Teresa auch. Man kann ihnen, mit Recht, vorwerfen, ihr Handeln sei naiv und einäugig gewesen, ihr Lebenswerk habe weder Indiens Spaltung verhindert noch die Korruption in Afrika oder das Kastenwesen überwunden. Das Schreckliche ist ja: Die Kritiker haben in ihren rückblickenden Analysen stets recht. Nichts zu tun, auf nichts wirklich zu hoffen, macht sie unangreifbar.
Dennoch sind mir Gutmenschen lieber als ihre kaltherzigen Denunzianten. Ich wehre mich dagegen, dass ein schönes deutsches Wort – „gut“ – auf solche Weise entwertet wird. Gewiss, es gibt Verblendete unter ihnen, unbelehrbare Ideologen, aber den realistischen Gutmenschen gibt es auch, und der weiss genau, dass es eine Sisyphos-Aufgabe ist, schlimme Zustände verbessern zu wollen. Er verzweifelt trotzdem nicht daran, und er mauert sich nicht ein in Zynismus. Er lässt zumindest den Funken Hoffnung zu, dass Güte manchmal nicht vergeblich ist.

Lukas Hartmann