Harrys Reise ans Ende der Kindheit

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Harry hier, Harry dort, Harry Potter überall. Am 21. Juni, wenn die amerikanische Ausgabe des fünften Harry-Potter-Bandes erscheint, wird der Zauberlehrling, der bebrillte Junge mit der Narbe auf der Stirn, weltweit wieder für Schlagzeilen sorgen: Sagenhafte 8,5 Millionen Exemplare lässt Scholastic Books drucken. 896 Seiten umfasst „Harry Potter and the Order of the Phoenix“ und ist damit um einen Drittel länger als Band 4, der doch schon als Wälzer galt. Allein die logistische Leistung, diese Papiermenge pünktlich auszuliefern, ist staunenswert; und noch staunenswerter ist die Gewissheit, dass Millionen von Kindern die 255'000 Wörter tatsächlich lesen werden. Schon am Tag darauf, da bin ich sicher, werden sich übernächtigte Fans auf Amazon.com mit ersten Rezensionen melden und die Autorin J. K. Rowling, inzwischen die reichste Frau Englands, in den Himmel loben.
Was in HP 5 drin steht, weiss heute, ausser ein paar Eingeweihten, die vertraglich zum Schweigen verpflichtet sind, noch niemand genau. Die Geheimnistuerei ist ein Teil des Vermarktungskonzepts. Dabei gibt es in den ersten vier Bänden einige Konstanten, die Rowling auch in HP 5 beibehalten wird. Über das Wichtigste sind sich die Fans ohnehin einig: Harry wird zwar in tödliche Gefahren geraten, er wird an sich und seinen Freunden zweifeln, und er wird dem Schwarzmagier Voldemort beinahe unterliegen. Aber er wird auf jeden Fall überleben, sonst könnten die Bände 6 und 7, die immer noch ein Milliardengeschäft versprechen, nicht mehr erscheinen.
Was macht denn Rowlings gigantischen Erfolg aus? Was unterscheidet sie von den zahlreichen Fantasy-Autoren, die mit vergleichbaren Mustern und Motiven arbeiten? Zunächst ist Rowling eine begabte Schreiberin: Sie baut raffinierte Plots; sie schildert entwicklungsfähige Charaktere; sie hat Sinn für Humor und für konfliktreiche Zuspitzungen; sie verfügt über eine erstaunliche Phantasie, die aus dem Fundus der europäischen Märchen und Sagen schöpft. Leider neigt sie, besonders im vierten Band, zum Auswalzen von Szenen und besteht auf Längen, die ihr ein Lektor, der sich noch traut, hätte ausreden müssen. Aber inzwischen ist das Phänomen Potter so übermächtig geworden, dass nur wenige Kinder gestehen, sich bei der Lektüre gelangweilt oder das Buch nicht zu Ende gelesen zu haben. Daran ist die Autorin unschuldig; hier wirken die Gesetze des Markts und der Gruppendynamik. Sobald nämlich ein bestimmtes Produkt die kindlichen Bedürfnisse besetzt, funktioniert – ähnlich wie bei Markenkleidern – der Gruppendruck: Wer das Buch nicht gelesen, den Film nicht gesehen hat, gehört nicht dazu. Schon Erstklässler haben mir vorgeschwindelt, sie hätten alle vier Bände gelesen, oder – äh – sie hätten sich den Film, Teil Eins, angeschaut und im Buch die Überschriften gelesen, super sei es, megasuper!
Einen weiteren Grund für den Erfolg sehe ich darin, dass J. K. Rowling das Serienprinzip ausnützt, und zwar erheblich glaubwürdiger als Enid Blyton mit ihren schematisch gezeichneten „fünf Freunden“, die immer gleich alt bleiben. Kinder haben ein Bedürfnis nach dem Wiederkehrenden; sie wollen sich möglichst in allen Winkeln des Zaubererinternats Hogwart auskennen und trotzdem immer wieder überrascht, ja geängstigt werden; und sie wollen, sobald die Pubertät naht, mit ihren Helden grösser und wissender werden. Rowling spielt virtuos auf dieser Klaviatur und hält die Balance zwischen Bekanntem und Neuem, zwischen Harmlosem und Schauerlichem. Sie schafft zudem mit Hogwart und dem ganzen Drumherum eine magische Gegenwelt zur technischen Zivilisation, in der Vertrautes und Befremdendes ebenfalls perfekt ineinander verfugt sind.
Dies alles trifft jedoch für hundert andere Bücher auch zu. Ich vermute, dass – ausserhalb der medialen Inszenierung – der wichtigste Grund für Rowlings enorme Wirkung einer ist, der bisher unterschätzt wurde: Sie erzählt im Grunde genommen die Geschichte einer siebenteiligen Initiation und schildert erfinderisch die „rites de passage“, die Prüfungen, in denen der Held sich bewähren muss. In unserer Spassgesellschaft jedoch, wo die Grenzen der Lebensphasen sich zusehends verwischen, sind Übergangsrituale wie Konfirmation und Jungbürgerfeiern längst verkümmert und bedeutungslos geworden. Im Gegensatz dazu beneiden wir afrikanische Stammesgesellschaften um ihre Initiationsriten (und idealisieren sie wohl auch): Jugendliche leben wochenlang zusammen in einem Camp; ältere Männer und Frauen, die in hohem Ansehen stehen, bringen ihnen die Traditionen des Stammes näher und setzen sie Gefahren aus, die sie solidarisch bestehen müssen. Die Initiierten lernen, ihre Angst zu überwinden und Schmerzen zu ertragen. Danach kehren sie mit neu gewonnenem Selbstvertrauen ins Dorf zurück und werden als junge Erwachsene festlich empfangen. Auch wenn dies fürs heutige Afrika nur noch halb stimmen mag, so drückt sich in solchen Bildern eine starke Sehnsucht aus. Ich behaupte, dass Jugendliche bei uns – und gerade jene, die unbeschränkte Autonomie fordern – nach einer solchen Form des Erwachsenwerdens suchen. Doch sie verharren, weder Fisch noch Vogel, über Jahre hinweg in einem diffusen Zustand, den sie mit dem Erwachsensein verwechseln. Sie wissen nicht, welche Rolle sie spielen sollen und wann sie auch vor sich selbst als erwachsen gelten können. Sie nehmen in einem permissiven Milieu möglichst früh alle Rechte in Anspruch und schrecken vor Pflichten zurück. Das aber entspricht nicht ihrem tieferliegenden Bedürfnis; denn sie möchten, wie die Forschung immer wieder bestätigt, gefordert und angeleitet werden, sie möchten Grenzen ausloten und ihre Freiheit dosiert ausprobieren. Schon Kinder in der Vorpubertät, die wichtigsten Leser der bisherigen Potter-Bände, ahnen dies. J. K. Rowling liefert ihnen ein Modell fürs Älter- und Reiferwerden. Sie zeichnet den schwierigen Lernprozess nach, der Stufe um Stufe zu gefestigten Werten, zu verantwortungsvollem Verhalten führt. Kluge Lehrer wie Professor Dumbledore begleiten Harry auf seiner gefahrvollen Reise. Dabei muss der Schüler, der zum Suchenden wird, stets von neuem seine Zweifel überwinden und den Mut haben, sich im Kampf gegen die destruktiven Kräfte auf die richtige Seite zu stellen. Diesen Weg innerlich mitzugehen, löst bei jungen Potter-Lesern (und fast ebenso vielen Leserinnen) eine tiefe Befriedigung aus. Auch Erwachsene, die sonst nie ein Kinderbuch lesen würden, holen mit der Lektüre offensichtlich etwas Versäumtes nach.
Über die Gründe für Rowlings Erfolg liesse sich noch lange mutmassen. Letztlich bleibt seine Dimension unerklärbar. J. K. Rowling hat die bisher gültigen Gesetze des Genres widerlegt und dem Stiefkind des Literaturbetriebs, dem Kinderbuch, zu einem geradezu magischen Höhenflug verholfen. Da mag es ein Schweizer Kinderbuchautor bedauern, dass für ihn nur Brosamen übrig bleiben; aber der Leser, der er auch ist, findet es wunderbar.
Lukas Hartmann