Erinnerungen an Niklaus Meienberg

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1977 war ich Redaktor bei Radio DRS und produzierte eine Sendereihe über Schweizer in der Waffe-SS. Das war damals ein neues Thema. Am Tag nach der zweiten Sendung rief M. mich im Studio an, glühend vor Zorn. „Das ist doch alles gefälscht!“, schrie er ins Telefon. „Das haben Sie erfunden und nachgestellt! Sie sind gar nicht bei diesen Leuten gewesen!“ Natürlich kannte ich M., gerade hatte ich mit grosser Bewunderung sein Buch über den Landesverräter Ernst S. gelesen. Zuerst wagte ich gar nicht, ihm zu widersprechen. Als ich es doch tat, verstummte er, liess mich meine Recherche beschreiben und sagte plötzlich: „Wenn es so ist, dann bist du ein zäher Kerl, dann müssen wir zusammenarbeiten.“ Ich war geschmeichelt; wir sprachen davon, uns zu treffen, unterliessen es aber, einen Termin zu vereinbaren.
Kurz darauf hielt M. ein Referat an einer Weiterbildungsveranstaltung für Radioredaktoren. Er polemisierte gegen das reaktionäre Welt- und Geschichtsbild, das im Radio vorherrsche, verlangte, dass endlich die Sauereien, die im Zweiten Weltkrieg geschehen seien, aufgedeckt würden. Man hörte ihm gutwillig zu. In der Pause stellte ich mich ihm vor. „Ja ja“, sagte er, „du bist die Ausnahme in diesem Haufen!“ Ich widersprach, M. packte mich am Arm, redete auf mich ein, schilderte sein Bavaud-Projekt, das ihn nächstens ins Brandenburgische führen werde. Ich merkte, dass er in mir einen Recherchiergehilfen gefunden zu haben glaubte, einen Faktenjäger und -sammler, der ihm zutragen sollte, was ihm nützte. Diese Rolle wollte ich nicht spielen, aber ich brachte es nicht über mich, das sogleich deutlich zu machen. Auch M. liess alles offen. Wir wollten uns wieder treffen und taten es nicht.
Von da an rief er mich in unregelmässigen Abständen an, liess sich weitschweifig darüber aus, was ihn gerade beschäftigte. Einmal klingelte das Telefon weit nach Mitternacht und schreckte mich aus dem Schlaf. M. klang aufgewühlt. Er war damals Reporter im Pariser Büro des „Stern“, er hatte entdeckt, dass ein benachbartes Büro von einem bekannten Schweizer Nazi belegt gewesen war. „Stell dir vor, der war nach dem Krieg Vertreter von Gruner & Jahr in Frankreich!“, bellte er mir ins Ohr. „Was sagst du jetzt?“ Er hörte mir gar nicht zu, für das, was ich allenfalls hätte sagen könne, interessierte er sich nicht. Übergangslos tadelte er mich dafür, dass ich damit begonnen hatte, Romane zu schreiben. Das sei eine antiquierte Form belehrte er mich. Der Schriftsteller müsse die Realität möglichst genau erfassen, ihr jeglichen Reichtum an Details abluchsen. Sobald er erfinde, beginne er zu lügen. Ich versuchte den Wert von Imagination und Intuition zu verteidigen, ich warf ihm vor, dass auch er erfinde, mehr noch: bewusst verzerre oder sich gegenüber Zusammenhängen, die ihm nicht passten, blind stelle. Er fuhr mir über den Mund. Nach einem halbstündigen Monolog hängte er auf, wie üblich; ich blieb mit verknotetem Magen zurück.
Wenn wir uns künftig sahen, kam jeweils der Moment, wo er mich zu beschimpfen begann. Ich war ihm zu wenig links, zu wenig radikal, zu bürgerlich. Das machte mich die ersten Male sprachlos. Später lachte ich einfach, er lachte auch, und wir konnten die Unterhaltung auf vernünftige Weise fortsetzen. Ich suchte in ihm einen grösseren Bruder; er wollte mich zu seinem Jünger machen wie viele aus der diffusen Achtundsechziger-Szene, die ihm aus der Hand frassen. Das Einzelgängerische, dem er dauernd zu entgehen versuchte, war aber auch in mir; zu einer wirklichen Freundschaft zwischen uns kam es nicht. Ich empfand M. als Brandherd, um ihn herum war stets eine flackernde Unruhe, ich musste Distanz wahren, um nicht versengt zu werden.
Zum letzten Mal sah ich ihn im Mai 1993. Wir waren beide ins Bernhard-Littéraire, Zürich, eingeladen und lasen etwas zum Thema Liebe. Ich erschrak, als ich ihn sah. Er war aufgedunsen, ein bleicher Koloss. Immer noch drängten sich die Leute um ihn, aber er schien sie kaum wahrzunehmen, sprach nur wenige Sätze. Er schaute auch durch mich hindurch, als ich ihn begrüsste. Sein Händedruck war schlaff wie nie zuvor. Es hatte Gerüchte über ihn gegeben: Vor dem Ausbruch des Golfkriegs, sei er beinahe durchgedreht, habe Anzeichen von Paranoia gezeigt, habe unermüdlich herumtelefoniert, besessen von der Mission, den Krieg verhindern zu können. Er las Gedichte aus „Die Geschichte der Liebe und des Liebäugelns“. Die Stimme war heiser und monoton, sie trieb seinen Zeilen die Poesie aus, als sei sie ihm plötzlich zuwider geworden. Mit zynischen Zwischenbemerkungen versuchte er, den Polemiker zu reaktivieren und den Liebes- und Anerkennungssüchtigen zu verjagen, es gelang ihm nicht. An einem Tischchen sitzend, signierte er nachher mit kleinen ruckenden Bewegungen seine Bücher. Ich lud ihn ein, mit mir noch ein Glas Wein zu trinken. Doch er hatte Kopfweh und wollte nach Hause. Beinahe flüsternd sagte er zu mir: „Weißt du, was ich jetzt für eine Lesung bekomme? Tausend! Tausend Stutz! Ist das nicht Wahnsinn?“ Er lachte leise, halb verächtlich, halb ungläubig. Es waren die letzten Worte, die ich von ihm hörte. Als er sich vier Monate später umbrachte, bekamen sie für mich den Charakter eines absurden Vermächtnisses. Es war, als ob ihn der Kapitalismus, dieses Monstrum, an dem er sich zornig abgearbeitet hatte, nun doch noch erwischt und verschlungen hätte.

Lukas Hartmann